Design – eine eigenständige Disziplin?
Die Designwissenschaft befindet sich nicht nur im deutschsprachigen Raum seit dem 20. Jahrhundert in einem Geburtsprozess mit verschieden gelagerten Diskussionswellen. Die einzelnen Stationen sollen hier nicht Thema sein,[1] sondern der Prozess selbst. In seinem Text »Disziplinierung des Designs«[2] beschreibt Franz Schultheis 2005 diesen Vorgang anhand von sechs idealisierten »Stadien der Metamorphose«[3] ausführlich. Als Soziologe betrachtet er die »emergente«[4] Disziplin Design aus einer sozialkonstruktivistischen Sicht und greift dabei u.a. auf die Gesellschaftstheorie von Pierre Bourdieu zurück. Schultheis Erläuterungen der sechs Stadien lesen sich wie die Ausformulierung von Bourdieus Analogievergleich von Modeunternehmen und Wissenschaft, den er 1974 in einem Vortrag aufstellt: Haute Couture und Haute Culture praktizieren ähnliche Handlungsmuster, Forschungstrends lösen sich periodisch wie Farben und Schnitte ab, Forscher verhalten sich teils wie Modeunternehmen, in dem »Konservierungsstrategien«[5] der Konservativen den »Subversivstrategien«[6] der Progressiven gegenüberstehen. Schultheis Schilderungen sind lebendig geschrieben, beim Lesen drängen sich unweigerlich Erinnerungen an eigene Beobachtungen des Wissenschaftsfelds auf, die auch schon mal ein erkenntnisreiches Lächeln auslösen.
Es gelingt dem Autor, die eingangs formulierte »Doppelbödigkeit« des Aufsatzes greifbar zu machen, in dem er einerseits aufzeigt, »dass jedwede bekannte und anerkannte wissenschaftliche Disziplin das Produkt eines oft langwierigen und mühevollen Prozesses der Durchsetzung, Legitimation und Institutionalisierung, kurz: einer «Disziplinierung» darstellt.«[7] Andererseits macht er deutlich, dass »die Durchsetzung und Etablierung einer gegebenen Praxis als autonomes wissenschaftliches Feld immer auch ein hohes Mass [sic!] an Disziplinierung ihrer Akteure und deren Praktiken im Sinne der Unterwerfung unter Regeln verlangt und mit einer deutlichen Einschränkung individueller Gestaltungsfreiheit zu Gunsten kollektiver Autonomie einhergeht«.[8] Der Text offenbart daher, nicht nur für den Designdiskurs, die Gemachtheit – oder um bei Bourdieu zu bleiben, die Legimitation und damit einhergehenden Aushandlungsprozesse wissenschaftlicher wie kultureller Güter und Objekte.
Der Blick von außen auf die heranwachsende Designdisziplin ermöglicht eine Reflektion der disziplinschaffenden Handlungsmuster der in ihr Agierenden. Die Muster lassen sich auch in der Disziplin selbst entdecken: In der Auseinandersetzung mit theoretischen wie methodologischen Fragestellungen (unter)suchen die Autor:innen im Designfeld ihre Positionierungen, ihre teils emphatischen Visionen sind herrlich – es sind Texte, die eine Nähe zur Wissenschaft anstreben (stilistisch wie inhaltlich) und sich gleichzeitig wieder von ihr abgrenzen.
In der 2010 erschienen Herausgabe »Positionen zur Designwissenschaft« von Felicidad Romero-Tejedor und Wolfgang Jonas sind 27 Autor:innen versammelt, die »einige Aspekte des Für und Wider der Designwissenschaft erörtern«[9] – »Manche plädieren für Eigenständigkeit, mal scharf, mal unscharf, andere wollen eine Wissenschaft im etablierten Sinne entwickeln, wieder andere beklagen in erster Linie den Zustand der Disziplin«[10]. Es ist eine Entdeckungsreise, ein Eintauchen in ein diskursives Feld, dass eine große gedankliche Bereicherung durch die Sichtung der verschiedenen Blickwinkel ermöglicht und dabei Fragen nach Grenzen und Zielen von Wissenschaft aufwirft oder Fragen nach der Suche von Lösungsansätzen des Theorie-Praxis-Problems stellt.
[1] nachzulesen u.a. bei Mareis, C. (2022). Theorien des Designs zur Einführung. 3., korrig. Auflage. Junius.
[2] Schultheis, F. (2005). Disziplinierung des Designs. In R. Michel (Hrsg.), Forschungslandschaften im Umfeld des Designs (S. 65–83). Swiss Design Network.
[3] Ebd. S. 71
[4] Ebd. S. 68
[5] Bourdieu, P. (1993). Soziologische Fragen (1. Auflage, dt. Erstausgabe). Suhrkamp, S. 188.
[6] Ebd. S. 188
[7] Schultheis, F. (2005). Disziplinierung des Designs. In R. Michel (Hrsg.), Forschungslandschaften im Umfeld des Designs (S. 65–83). Swiss Design Network, S. 67
[8] Ebd., S. 67
[9] Romero-Tejedor, F., & Jonas, W. (Hrsg.). (2010). Vorwort. In Positionen zur Designwissenschaft: Eine Initiative der Arbeits-gruppe GDW (Grundlagen der Designwissenschaft) der DGTF (Deutsche Gesellschaft für Designtheorie und -forschung). (S. 9–11). Kassel Univ. Press, S. 10.
[10] Romero-Tejedor & Jonas (2010), S. 11.
